Pressespiegel zu "Tot in Lübeck"

Brandfleck, Schandfleck
Kabarettist Dietrich Kittner in dem Film "Tot in Lübeck"
(von Stefan Stosch, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 5. März 2005)

Das Kino als Mittel der Aufklärung steht momentan hoch im Kurs, nicht nur in den USA und durch Michael Moore. Ein eindringliches Beispiel davon ist die Dokumentation "Tot in Lübeck", die jetzt im hannoverschen Kino im Künstlerhaus zu sehen ist - und das dabei auf die Unterstützung eines Kabarettisten zurückgreift.

Man kann die Regisseurinnen Lottie Marsau und Katharina Geinitz verstehen: Der Brand in einem Lübecker Asylbewerberheim am 18. Januar 1996 ist bis heute ungeklärt, zehn Menschen starben damals in den Flammen. Die Republik zeigte damals größte Betroffenheit und ging schnell wieder zur Routine über. Ungereimtheiten, Pannen, Schlampereien begleiteten das Verfahren. Die Staatsanwaltschaft hat die Akten längst geschlossen. Die Filmemacherinnen treibt der Verdacht um, dass das Versagen des Rechtsstaats kein Zufall war. Immer wieder schwenken die Regisseurinnen ihre Kamera über eine kalte Stadt im Norden. Vor allem aber lassen sie zwei Protagonisten zum indirekten Rededuell antreten: den Generalstaatsanwalt, der glaubt, dass Gott allein die Fakten über den Brandanschlag kennt, und eine Rechtsanwältin, die präzise auf die Fehler der Gegenseite hinweist. Die Gegenüberstellung soll Objektivität bezeugen, doch konterkarieren Marsau und Geinitz diesen nüchternen Ansatz: Dazwischen schneiden sie Szenen mit dem hannoverschen Kabarettisten Dietrich Kittner.

Als Moritatensänger spottet Kittner über die Lübecker Ungeheuerlichkeiten und bietet Auszüge aus seinem Programm "Mords-Gaudi". Seine Einschübe fallen manchmal bestechend aus, doch sind sie überflüssig für jeden Zuschauer, der nicht zwischendurch eingeschlafen ist - und das ist unwahrscheinlich bei der hier geleisteten kriminalistischen Basisarbeit. Zudem versteigt sich Kittner zu Vergleichen mit brennenden Synagogen 1938 und dem Tod des Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen. Der Aufklärung des Todes in Lübeck dienen solche Bezüge nicht. Sie vernebeln die Wahrheit nur, und die ist schrecklich genug.

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Neues Deutschland, 14. Oktober 2003
Heinz Kersten: Dokumentarfilmfestival dokumentART in Neubrandenburg

(...) Ein politisches Tabu versuchen Lottie Marsau und Katharina Geinitz in ihrer in der Reihe " Filme aus Mecklenburg-Vorpommern " gezeigten Produktion " Tot in Lübeck " zu brechen. Mit der entlarvenden Gegenüberstellung der Aussagen des Generalstaatsanwalts von Schleswig-Holstein und einer Rechtsanwältin sind sie Vertuschungen bei den Ermittlungen zum Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Lübeck am 18. Januar 1996 auf der Spur. Die Schonung vier dringend tatverdächtiger rechter Jugendlicher aus Grevesmühlen deutet auf einen V-Mann-Hintergrund hin. An der Einstellung des Verfahrens wird der gründlich recherchierte Film wohl nichts ändern.

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nordkurier, 10. Oktober 2003
Matthias Wolf: Filmischer Geschichtsunterricht bei der dokART

[...] Wie wenig der Dokumentarfilm als spekulierende Sonde taugt, führen die im Westen sozialisierten Filmemacherinnen Katharina Geinitz und Lotti Marsau in ihrem in diesem Jahr entstandenen, von der Filmförderung Mecklenburg-Vorpommern mitfinanzierten Beitrag "Tot in Lübeck" vor. Über die schwierige Wahrheitssuche nach dem Anschlag auf das Asylbewerberheim in der Lübecker Hafenstraße im Januar 1996 ist es allein die standhafte Anwältin Gabriele Heinecke, die sechs Jahre lang mit ihren bohrenden Fragen nach unterdrückten Fakten die Widersprüche der Ermittlungsarbeit aufdeckt. Wie ein Gespenst geistert Alt-Barde Dietrich Kittner durch den schwarzweißen Streifen und pflegt mit viel Selbstverliebtheit uraltlinke Klischees, die dem "Schwarzen Kanal " des DDR-Fernseh ens zur Ehre gereicht hätten. Das entgeht kaum unfreiwilliger Komik. Am Ende von 100 endlos kreisenden Minuten stehen neue alte Verschwörungstheorien. Wem nützt das?

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Kieler Nachrichten, 11. September 2003
R. Bender: Tot in Lübeck

KoKi (Pumpe) Die Bilder sind deutlich: Ein marodes Haus, unwirtlich und verlassen, verregnete Menschen und Straßen - und all das in einem verschleiernden Schwarzweiß, das nicht von ungefähr an verblassende historische Aufnahmen erinnert. In Tot in Lübeck geht es genau darum: um die Vernebelung in den Gerichtsverhandlungen, die dem Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Lübeck am 18. Januar 1996 folgten.

Zum suggestiven Wechsel von Rede und Gegenrede haben die Filmemacherinnen Charlotte Marsau und Katharina Geinitz die Äußerungen von Staatsanwalt und Verteidigerin zusammengeschnitten. Ein Verfahren, das Widersprüche, Nachlässigkeiten in der polizeilichen Untersuchung ebenso erschreckend sichtbar macht wie den unbedingten Willen der Staatsanwaltschaft, die Beweislücken zu schließen - wie auch immer. Ein bisschen Straffung hätte nicht geschadet, und vielleicht hebt der mit seiner Lübecker Moritat zwischengeschaltete Kabarettist Dietrich Kittler manchmal allzu deutlich den Zeigefinger. Wie der Film den Prozess seziert und entlarvt, ist trotzdem eindringlich gelungen und auf erschreckende Weise spannend.

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Kieler Nachrichten, 27. Mai 2003
Gerald Kroll: Beste Ernte auf der “Augenweide”

[...] Es sind Filme, die gemeinhin vernagelte Fenster aufstoßen, die Dokumentarfilme wertvoll machen. Im besten Fall bleiben diese Fenster offen, wenn sich die Leinwand schließt. In dieser Hinsicht lieferte Charlotte Marsau mit Tot in Lübeck das Ereignis des Filmfestes. Auch eine Stunde nach Ende des 107-minütigen Films diskutierte das Publikum mit ungebremstem Eifer über die Ermittlungen des Brandanschlags auf das Asylbewerberheim in Lübeck. Marsau hatte eine kämpferisch-polemische Abrechnung realisiert, die sich in bester Traditon politischer Kunst gegen empfundenes Unrecht empört. [...]

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Junge Welt, Freitag, 23. Mai 2003
Ulla Jelpke: Brandsätze
Nazis flambieren nur Hunde: Dokumentarfilm zum Brandanschlag von Lübeck

Der 1996 auf das Asylbewerberheim in der Lübecker Hafenstraße verübte Brandanschlag ist bis heute nicht aufgeklärt. Generalstaatsanwalt Matthias Mustermann rechtfertigt sein Versagen mit den Worten: »Die Wahrheit kennt Gott allein, wir nicht«. Was die Justiz verschleiert, zeigt der Dokumentarfilm »Tot in Lübeck«. Anhand der Fakten rekonstruieren die Filmemacherinnen Katharina Geinitz und Lottie Marsau den Tathergang. Ihr zeithistorisches Dokument zu den politischen Hintergründen des zehnfachen Mordes an Asylbewerbern macht deutlich, daß eine schonungslose Aufklärung des rassistisch motivierten Verbrechens politisch und juristisch nicht gewollt war.

Im Jahrzehnt nach der Vereinigung Deutschlands stieg die rechte Gewalt gegen Asylbewerber und Migranten dramatisch an. Durch Verschärfung der Ausländergesetze und faktische Abschaffung des Asylrechts war dem Rassismus der Boden bereitet worden. Rechtsextreme zündeten Brandsätze in Rostock- Lichtenhagen, in Hoyerswerda trieben sie Asylbewerber aus der Stadt. Auf den Straßen jubelte der rassistische Mob. Mehr als hundert Menschen kamen bis heute durch rechte Gewalt ums Leben, und die Gewaltbereitschaft in der neofaschistischen Szene wächst weiter. Die politisch Verantwortlichen sind wie die Justiz vor allem damit beschäftigt, dies zu bagatellisieren und die Opferzahlen nach unten zu manipulieren.

Dietrich Kittner: »Ach Deutschland. kaltes Vaterland / Wie bist Du wieder groß geworden / Und was da wieder auferstand / Übt brüderlich / Mit Herz und Hand / Schon wieder sich im Morden.« In der internationalen Presse wurden die Entwicklungen mit Bestürzung verfolgt. Auch der Brandanschlag von Lübeck löste weltweites Entsetzen aus. Die deutschen Behörden und Medien versuchten indes von vornherein systematisch, das Verbrechen dem libanesischen Asylbewerber Safwan Eid anzulasten. Rechtsextremistische Jugendliche, die sich zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts aufhielten, sollten es nicht gewesen sein. Eid wurde in zwei Prozessen freigesprochen. Das Verfahren gegen die tatverdächtigen deutschen Jugendlichen wurde eingestellt.

»Tot in Lübeck« geht den Fakten minutiös nach. In einem dialektischen Prozeß stellt der Film den Erklärungen der Staatsanwaltschaft Punkt für Punkt die präzise Argumentation der Rechtsanwältin Gabriele Heinecke gegenüber. Mit ätzendem Spott kommentiert der Kabarettist Dietrich Kittner die Nichtaufklärung des Falles. Aus drei Perspektiven also entsteht ein Gesamtbild der Repressionen gegen den vermeintlichen Täter, der haarsträubenden Ermittlungsschlampereien, des bewußten Negierens von Fakten und der Fehlentscheidungen der Staatsanwaltschaft.

»Es gab eine Grundhaltung, daß es kein Deutscher war«, urteilt Heinecke. Das hätte der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands geschadet. Dieses Vorverständnis bestimmte das Vorgehen der Behörden. Wochenlang befand sich Eid in Isolationshaft, durfte dort keinen Besuch empfangen. Die Ermittlungsbehörden spekulierten, er würde sich in der entsprechenden psychischen Verfassung später gegenüber Besuchern selbst belasten. Deshalb hörten sie illegal seine Gespräche ab. Heinecke: »Dies war der Vorläufer der Abhörgesetzgebung.«

Ganz anders wurde gegen die drei wegen rechtsextremistischer Taten vorbestraften Jugendlichen aus Grevesmühlen ermittelt. Zwei Geständnisse des einen, der sich selbst gern »Klein-Adolf« nannte, wurden als angeblich erpreßt oder erkauft abgetan (Kittner sarkastisch: »Wenn er es wirklich gewesen wäre, hätte er es nicht gesagt.«). Ein Alibi wurde akzeptiert, obwohl es eine Gegenüberstellung mit dafür entscheidenden Zeugen nie gegeben hat. Für Brandstiftung typische Indizien wie versengte Haare wurden ignoriert: Man ließ sich die Geschichte auftischen, einer der Tatverdächtigen hätte seinen Hund flambiert.

Aufgrund der vom Bundes- und Landeskriminalamt oft wiederholten Kernthese, der Brand sei im ersten Stock des Asylbewerberheims ausgebrochen und keinesfalls von außen gelegt worden, hatte sich die Staatsanwaltschaft auf Eid eingeschossen, der selbst im Wohnheim lebte. Die akribische Recherche der Gegenseite aber deckte erhebliche Widersprüche auf. Brandspuren im Eingangsbereich des Erdgeschosses ließen nicht nur den allgemein anerkannten Brandexperten Prof. Ernst Achilles schließen, daß dort der Brand begonnen habe. Die Staatsanwaltschaft behauptete weiterhin, das Haus sei von außen nicht zugänglich gewesen. Ein Feuerwehrmann fand hingegen unverschlossene Türen vor. Außerdem wurde eine Spanplatte, Hauptindiz für den Brandhergang, unerklärlicherweise vernichtet.

Mysteriös: Die im Eingangsbereich des Hauses gefundene Leiche von Silvio Amoussou wies keinerlei Kohlenmonoxid im Blut auf. Wie kam er ums Leben, wie gelangte die Leiche in das Haus? Warum sagten die Jugendlichen, sie hätten eine brennende Leiche gesehen? Heinecke: »Sie mußten etwas damit zu tun haben. Dies zu vertuschen, war Aufgabe der Staatsanwaltschaft.« Dubiose V-Mann-Spekulationen schließlich blieben unaufgeklärt.

So bestätigt sich Dietrich Kittners »Lübecker Moritat«: »Erst wenn die Schande ruchbar ward / Beginnen sie zu kuschen / Und wohlgeübt nach deutscher Art / Damit des Landes Ruf gewahrt / Die Sache zu vertuschen. / Dann kriechen sie im ersten Schock / Mit kühnen Hypothesen / Der Lüge untern weiten Rock / Und finden einen Sündenbock / Und sind es nicht gewesen.«

* »Tot in Lübeck«, BRD 2003, Regie: Katharina Geinitz und Lottie Marsau, 100 Minuten, läuft am Samstag, 20.30 Uhr, im Rahmen des 7. Filmfestes Schleswig-Holstein in der Kieler Pumpe.

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Kieler Express, 21. Mai 2003
Eva-Maria Karpf: U-Boot im Keller
7. Augenweide im Kommunalen Kino

[...] Am Abend beginnt nach dem Kurzfilm “Transitions“ von Kai Zimmer ab 20.30 Uhr die 107-minütige Dokumentation “Tot in Lübeck“ von Charlotte Marsau und Katharina Geinitz. Sie befragen darin den Generalstaatsanwalt Erhard Rex und die Anwältin Gabriele Heinecke zu den Prozessen nach dem Brand des Asylbewerberheims in der Lübecker Hafenstraße am 18. Januar 1996. Trotz karger Schwarzweißbilder sind die Gespräche spannend wie ein Krimi. Der Film orientiert sich an der “Lübecker Moritat“ des Kabarettisten Dietrich Kittner, der die Antworten bissig kommentiert. Bei der Vorführung werden nicht nur die Filmemacherinnen, sondern auch Rex und Heinecke anwesend sein. [...]

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Filmdienst, 20. Mai 2003
Hans Messias: Zugehörigkeit zur Welt
Internationales Dokumentarfilmfestival "Visions du Réel" in Nyon

[...] Dass in puncto Hässlichkeit auch der Westen Deutschlands nicht ohne ist, zeigt "Tot in Lübeck" von Lottie Marsau und Katharina Geinitz. Die Filmemacher recherchierten den Prozess um den Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim 1996, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen, und kommen einer stattlichen Anzahl von Rechtsverdrehungen auf die Spur. Ihr als Moritat angelegter Film ist gewöhnungsbedürftig, doch wenn der Bänkelsang des Kabarettisten Dietrich Kittner in den Hintergrund tritt und die hilflosen Entschuldigungsversuche des Lübecker Oberstaatsanwalts nur noch kommentiert, verdichtet er sich zu einer beklemmenden Realsatire, die man wohl in den meisten Ländern der Welt für möglich gehalten hätte, sicher aber nicht in unserer Marzipanhochburg. [...]

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Kieler Nachrichten, 15. Mai 2003
Caroline Buck: Im Kino die Welt kennen lernen.
Das Dok.Fest München blickte auf den Nahen Osten

[...] Stärker polarisierend wirkte der abendfüllende Thesenfilm Tot in Lübeck von Lottie Marsau (Chinas Tibet?) und Katharina Geinitz, ein formal ebenso spröder wie inhaltlich aufrüttelnder und handwerklich gekonnter Schwarzweiß-Film über den offiziell nie geklärten Brandanschlag auf das Asylbewerberheim in der Lübecker Hafenstraße von 1996. [...]

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Lübecker Nachrichten, 9 Mai 2003-05-19
Hermann Weiss: "Tot in Lübeck": Schwarzgraue Stadt

München im Frühling, das ist eine Ode an die Lebenslust. Das Lübeck der Filmemacherinnen Lottie Marsau und Katharina Geinitz dagegen ist schwarz und grau, eine Stadt, die auf Erlösung hofft und sich gleichzeitig dagegen sperrt. Vielleicht ist es dieser Kontrast, der die Rezeption von "Tot in Lübeck" erschwert. Der Film über den Brand im Asylbewerberheim in der Hafenstraße 1996, der am Mittwoch beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in München erstmals in Deutschland aufgeführt wurde, wirft die Frage auf, warum der Fall als unaufgeklärt zu den Akten gelegt wurde. Warum hat sich die Staatsanwaltschaft so lange auf einen Beschuldigten konzentriert, von dem man schnell wusste, dass er es nicht gewesen sein konnte? Und was hat dazu geführt, dass die Verdachtsmomente gegen drei Neonazis nicht hinreichend geprüft wurden? Dass sogar Beweismittel verschwanden?

Der Film bildet in seinen Protagonisten - dem Generalstaatsanwalt Erhard Rex und der Rechtsanwältin Gabriele Heinecke - das Verfahren noch einmal ab. Sein Verdienst ist es, dass er die Bilder bewahrt: zerschmolzene Türen und geborstene Fenster, die Fotos einer Familie, die in den Flammen umkam. Zehn Menschen sind verbrannt. An der Hafenstraße erinnert heute nur ein Gedenkstein an den Brand und seine Opfer: Marsau und Geinitz zeigen, wie sich der Bagger in die Brandruine krallt, als das Asylbewerberheim abgerissen wurde.

Schade, dass die Filmemacherinnen der Botschaft solcher Bilder nicht trauen. Sie geben dem Film eine gewollt düstere Aura und lassen den Kabarettisten Dietrich Kittner das Geschehen kommentieren. Dass dessen episches Theater sich nicht unbedingt mit dem Wesen des Dokumentarfilms verträgt, ist ein Nachteil. Vielleicht taugt es aber auch als Provokation - und belebt eine fast vergessene Diskussion.

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Frankfurter Rundschau, 7. Mai 2003
Yvonne Strecke: Keine Rosen für den Staatsanwalt
Auf dem Dokumentarfilmfestival von Nyon überzeugen zwei deutsche Beiträge

[...] Und noch ein weiterer deutscher Beitrag setzte auf die Stärke des abendfüllenden Dokumentarfilms, Nachrichtenthemen in Ruhe und Sorgfalt auf den Grund zu gehen. Tod in Lübeck von Lottie Marsau und Katharina Geinitz ist die beklemmende Chronik eines rätselhaften Prozesses: Drei Rechtsradikale sind angeklagt, ein Asylantenheim angesteckt zu haben. Der Hauptverdächtige des Films aber ist der Staatsanwalt. Diskret und doch eindeutig sind die Spuren seines hilflosen Manövrierens, die sich der Kamera offenbaren. Auch hier ist es der filmische Subtext, hilfloses Gestikulieren etwa, das die Kommentarebene bezwingend ersetzt.

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L’Humanité, 7. Mai 2003
Emmanuel Chicon: Dokumentarfilm. Besorgniserregende Bilder
Bericht vom internationalen Filmfestival in Nyon, das seit 1995 unter dem Titel “Visionen des Realen“ läuft

[...] Tot in Lübeck von Lottie Marsau und Katharina Geinitz ist der filmische Versuch, eine Affäre zu rekonstruieren, die zu den Akten gelegt wurde, weil man keine Schuldigen gefunden hat. Es handelt sich um die Brandstiftung in einem Asylantenheim in Lübeck im Jahre 1986, bei der zehn Personen zu Tode gekommen sind. Parallel zur dialektischen Konfrontation zwischen den Sichtweisen des Staatsanwalts, einer Anwältin und eines Straßensängers zeigt der Film die Zerstörung des Gebäudes und die Beseitigung des Corpus delicti, dessen Bilder am Ende auf den Körper des Künstlers projiziert werden, der zugleich ein Sänger der Gespenster der Vergangenheit und der letzte Überlieferer der ungestraften Schreckenstat ist. [...]

[Übersetzung: Ronald Voullié, Hannover]

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Der Tagesspiegel, 6. Mai 2003
Silvia Hallensleben: Der Asphalt lebt
Das Dokumentarfilmfestival im schweizerischen Nyon

[...] Nach dem Brandanschlag Andere Filme reden sich die Seele aus dem Leib, um zu beweisen, was sie doch von vornherein voraussetzen. “Tot in Lübeck“ etwa von Lottie Marsau und Katharina Geinitz rollte den Prozeß um den Brandanschlag auf ein Lübecker Asylbewerberheim noch einmal auf, bei dem 1996 zehn Menschen ums Leben gekommen sind. Schon nach den ersten Sätzen und Bildern ist klar, dass die Filmemacherinnen der offiziellen Version - übrigens völlig zu Recht - nicht glauben. Und bald wird noch deutlicher, dass es für uns keine Überraschungen geben wird in diesem Film, der seine suggestiv aufbereiteten Thesen mit Szenen des Kabarettisten Dietrich Kittner illustriert, die vor allem jenes Publikum erheitern dürften, das sich sowieso als staatskritisch deklariert. [...]

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